Haltung
Ein Begriff, der Erklärung verdient, und fünf Grundsätze, die sechs Jahrzehnte überstanden haben.
Philosoph
Was «praktischer Philosoph» heisst
Philosoph ist kein geschützter Titel. Er wird nicht verliehen, sondern ausgeübt.
Praktische Philosophie ist kein Sammeln von Theorien. Sie ist Denken als Handwerk: Begriffe klären, Unterscheidungen treffen, Perspektiven wechseln, Folgen abschätzen. Das ist das Gegenteil einer Meinung.
Praktisch wird sie dort, wo sie Entscheidungen verbessert, Konflikte klärt, Werte sichtbar macht und Verantwortung begründet. Also genau dort, wo Unternehmer arbeiten.
Reichelt hat seine Fragen nie im Seminar gestellt, sondern im Betrieb. Was schulde ich einem Kunden? Welche Organisation erzeugt Verantwortung, und welche verhindert sie? Wie entscheidet man unter Unsicherheit? Die Antworten hat er nicht aufgeschrieben, sondern gebaut: als Arbeitszeitmodell, als Portal, als Unternehmensorganisation. Dort wurden sie geprüft.
Dazu gehört eine Haltung, die sich nicht delegieren lässt: intellektuelle Redlichkeit, Mut zur Wahrheit, Freiheit von Ideologie und die Bereitschaft, die Folgen der eigenen Gedanken zu tragen.
Viele der wirkungsvollsten Denker der Geschichte waren Kaufleute, Strategen, Ärzte oder Staatsmänner. Keine Professoren.
Alles im Unternehmen geschieht aus Kundensicht
Seit seiner Lehre denkt Reichelt intuitiv vom Kunden her. Nicht nur die Produktentwicklung, auch Organisation, Entwicklung, Kommunikation und Service.
Marketing ist keine Abteilung. Marketing ist höchste Managementaufgabe.
Wer es an eine Abteilung delegiert, hat die Kundensicht aus der Unternehmensführung entfernt. Das ist die häufigste stille Fehlentscheidung, in Konzernen ebenso wie im Mittelstand.
Jede Beziehung muss beiden Seiten nutzen
Die Verpflichtung zur Win-Win-Situation gilt bei Reichelt nicht nur gegenüber Kunden, sondern ebenso gegenüber Lieferanten, Partnern und Mitarbeitenden.
Eine Vereinbarung, bei der eine Seite verliert, ist kein guter Abschluss. Sie ist eine Beziehung mit Verfallsdatum.
Kunden
Kunden zu Fans machen
Diese Parole gab Reichelt bereits 1990/1991 aus, Jahre bevor Kundenbegeisterung zu einem Begriff der Marketinglehre wurde.
Der Gedanke dahinter ist nüchtern: Fans verzeihen. Fehler lassen sich in keinem Unternehmen vollständig vermeiden. Aber ein Kunde, der sich über Jahre verstanden fühlt, trägt einen Fehler mit, statt ihn zu ahnden. Das erleichtert den Umgang mit Kunden und verhindert die meisten Folgen, die sonst aus unvermeidbaren Fehlern entstehen.
Zugleich verpflichtet es das Unternehmen: Dieses Vertrauen muss es durch sein Verhalten jeden Tag rechtfertigen.
Handschlagmentalität
Ein uralter Grundsatz unter Kaufleuten: Das gesprochene Wort ist einklagbar. Im Kern ist das eine Frage der Ehrlichkeit.
Reichelt bedauert ausdrücklich, dass dieser Grundsatz im heutigen Geschäftsleben weitgehend verschwunden ist. Wer den Gegenüber am geschicktesten übervorteilt, gilt als Gewinner. Möglichst ohne Win-Win.
Für ihn ist Handschlagmentalität kein Rückblick auf bessere Zeiten, sondern ein praktischer Massstab. Eine Zusage gilt. Schwierigkeiten werden offen angesprochen. Gute Lieferanten verdienen Treue, auch dann, wenn anderswo ein besserer Preis zu holen wäre. Denn für den Lieferanten ist man selbst der Kunde, und dieselben Regeln gelten in beide Richtungen.
Die Freiheit, anders zu entscheiden
Reichelt hat Vorgehensweisen selten akzeptiert, weil sie üblich waren. Er wollte ihre Gründe verstehen. Überzeugten ihn diese nicht, entwickelte er einen eigenen Ansatz, schon in der Lehre, als er Kundenkorrespondenz in einem Ton schrieb, den es damals nicht gab.
Der Freigeist hat allerdings einen Preis, und Reichelt besteht auf ihm: Wer anders entscheidet, muss die Folgen selbst tragen. Wer sie an andere weiterreicht, ist kein Freigeist, sondern ein Risiko.
Genau dieser Satz ist heute die Grundlage der Agentic Leadership Architecture der Transpareo AG.
«Gewohnheit ist kein Argument.»