Das Reichelt-Prinzip
Rückschläge sind unvermeidbar. Was daraus wird, entscheidet nicht der Rückschlag.
Der Fehler
Günter Reichelt war 21 Jahre alt, Verkaufsleiter Innendienst bei der Stickereifabrik Hermann Rettig in Opladen, verantwortlich für die gesamte Auftragsabwicklung mit den Grosskunden der Damenmodeindustrie.
Dann der Fehler: Bei der Weitergabe eines Auftrags an die Fertigung notierte er /2 statt /1. Statt einer Stickbordüre wurden zwei produziert. Ein Zeichen, mit der Folge, dass die Ware für diesen Kunden nicht verwendbar war.
Er erstarrte. Drei Tage lang Selbstzweifel, Scham, Grübeln. Dann ging er mit hängendem Kopf zu seinem Chef.
Herr Rettig hörte zu. Regungslos. Dann ein einziger Satz: «Und, was wollen Sie jetzt machen?»
Zwei Worte, die alles änderten
In diesem Moment zündete der Gedanke. Reichelt sprang auf und verliess das Chefbüro mit zwei Worten: «Ich weiss es.»
Er rief den Kunden an. Sagte ihm, dass er einen gravierenden Fehler gemacht habe, und bat ihn um Hilfe bei der Behebung. Der Kunde sagte zu. Reichelt hielt ihn laufend auf dem Stand. Der Plan war komplex, und er gelang.
Vom Kunden, vom Chef und von den Kollegen kam Anerkennung. Seine Position im Unternehmen war danach fester als zuvor.
Nie wieder hat er seitdem auch nur eine Sekunde gezögert, in den Lösungsmodus zu gehen. Keine Schockstarre. Keine Schuldspirale. Nur Lösung. Sofort.
Vier Schritte
- Annehmen. Den Fehler erkennen, ohne Drama, ohne Verdrängung. Kein Vertuschen, kein Schönreden, keine Ausflüchte.
- Sofort in den Lösungsmodus. Schnell, proaktiv, lösungsorientiert. Das Ziel ist nicht Schuldvermeidung, sondern Schadensbegrenzung.
- Ehrlich kommunizieren. Wer Transparenz und Tatkraft zeigt, gewinnt Vertrauen, besonders in der Krise.
- Den Rückschlag zum Hebel machen. Und dabei optimistisch bleiben. Wer den Kopf oben behält, sieht die neue Chance. Wer erstarrt, sieht sie nicht.
wirkt
Aus dem Rückschlag wird der Antrieb
Der Grosskunde springt ab, und die frei gewordene Kapazität findet neue Märkte, die die Abhängigkeit von diesem einen Kunden beenden. Der Mitgründer steigt aus und macht den Weg frei für jemanden, der besser passt. Der Vertrag wird gekündigt, und wer aufsteht, telefoniert und präsent bleibt, findet den grösseren Auftrag.
Das gilt beruflich wie privat. Die gekündigte Wohnung wird zur helleren in der besseren Lage. Jedes Mal unter derselben Bedingung: Zwischen Erkenntnis und Reaktion darf möglichst wenig Zeit liegen.
Rückschläge sind eine Weggabelung. Stillstand oder Weitergehen. Opferrolle oder Gestalterrolle. Krise oder Kurskorrektur.
Das Reichelt-Prinzip ist keine Taktik, sondern eine Haltung. Es ist eines der Sonderkapitel in «Mensch. Unternehmer. Macher.» und ein wiederkehrendes Thema in Reichelts Arbeit mit jungen Gründerinnen und Gründern.
«Bei Rückschlägen nicht verzagen. Bleibe optimistisch und wachsam. Schau nach vorne. So wirst du die Chance erkennen und ergreifen, aus dem Rückschlag etwas Besseres zu machen.»