Vorausgedacht
Eine Voraussage ohne Ausgang ist eine Meinung. Die folgenden fünf sind datiert, und bei vier von ihnen steht das Ergebnis fest.
Der Bildschirm kam auf den Schreibtisch. Der Arbeitsplatz blieb, wie er war.
Computer erreichten die Büros. Schwere Röhrenmonitore verstellten die Tische, die Arbeitshaltung wurde schlechter, und niemand sprach darüber. Bildschirmergonomie war damals kein Thema, weder in Vorschriften noch bei Herstellern.
Reichelt entwickelte Bildschirmschwenkarme und Trägersysteme, liess sie durch Gebrauchsmuster schützen und baute einen Industriebetrieb für ihre Fertigung auf. Über die Jahre nutzten 60 Prozent der 500 grössten deutschen Unternehmen seine Systeme, dazu ein Grossteil der grossen öffentlichen Verwaltungen, darunter Deutsche Bundespost und Oberfinanzdirektionen.
Eingetroffen. Die Bildschirmarbeitsverordnung kam 1996, fünfzehn Jahre später. Der bewegliche Monitorarm ist heute Standard. Reichelt hat die Bürolandschaft nachhaltig verändert.
1980er
Deutschland stritt über die 36-Stunden-Woche. Er führte das Gegenteil ein.
Die verkürzte Wochenarbeitszeit galt als sozialer Fortschritt. Reichelt hielt sie für unrentabel und für die Anforderungen einer Produktion kontraproduktiv. Eine Fertigung mit schwankenden Auftragsmengen und verbindlichen Lieferterminen lässt sich nicht in ein starres Wochenkorsett zwingen.
Er führte im eigenen Betrieb ein Arbeitszeit- und Entlohnungssystem ein: Jahresarbeitszeit statt Wochenstunden und vielseitiger Personaleinsatz: Schlosser, Dreher, Schweisser und Hilfskräfte arbeiteten an allem. Die Beteiligung am erzielten Fertigungswert machte Leistung in der eigenen Geldbörse erlebbar.
Und er machte die Mitarbeitenden mit dem Kunden, der Menge und dem zugesagten Termin vertraut. Der Kunde stand damit in der Fertigung im Mittelpunkt. Ein pünktlich ausgelieferter Grossauftrag eines renommierten Namens wurde zu einer gemeinsamen Leistung, auf die alle stolz sein konnten.
Eingetroffen. Deutsche Grossunternehmen, allen voran in der Automobilindustrie, kehren heute von der starren Wochenstundenlogik zu flexibler Zeitnutzung zurück. Es hat länger gedauert, als er erwartet hatte.
1980er
Er sagte den Fall der Mauer voraus. Aus wirtschaftlicher Logik.
Reichelt vertrat, dass der Ostblock mit der technischen Entwicklung im Westen nicht mithalten könne, wirtschaftlich und militärisch in den Ruin gerate und dass dies den Fall der Berliner Mauer zur Folge haben werde.
Diese Position stand vollständig konträr zur gesellschaftlichen und politischen Meinung seiner Zeit.
Eingetroffen. November 1989.
Er sagte Verbrauchern ein Recht auf Auskunft voraus. Fünfundzwanzig Jahre vor dem Gesetzgeber.
In Vorträgen vertrat Reichelt ab 2001, dass Verbraucher künftig erwarten und schliesslich verlangen würden, über die Qualität von Produkten und deren Komponenten Auskunft zu erhalten. Er blieb damit lange allein.
Er wartete nicht auf Bestätigung. 2008 ging das erste Portal online, das Risiken und Nutzen kosmetischer Stoffe und Produkte transparent darstellte. 2012 folgte das weltweit erste interaktive Qualitätssiegel: ein QR-Code am Produkt, der sämtliche Komponenten und deren Eigenschaften offenlegt. 2020 entwickelte André Pankratz die gesamte Plattform neu, mit allen Erfahrungen aus zwölf Jahren und KI-Übersetzungen in jedem Datenbankeintrag. 2023 kam der Lead-Generator hinzu, der aus dem Scan ergänzend eine Kundenbeziehung macht.
Eingetroffen. Die EU-Ökodesign-Verordnung ESPR schreibt mit dem Digitalen Produktpass genau das vor. Was Reichelt seit 2007 freiwillig baute, wird ab 2027 für alle Unternehmen weltweit Pflicht, die Produkte in die EU liefern.
KI verändert nicht die Arbeit. Sie verändert die Organisation.
Die verbreitete Erwartung lautet, künstliche Intelligenz ersetze Mitarbeitende. Reichelts Beobachtung aus der Praxis ist eine andere: Gebraucht werden weniger Mitarbeitende, dafür deutlich erfahrenere.
Der Grund liegt in der Arbeitsweise der Agenten. Ein Agent ist nur so gut wie die Anweisung, die er erhält. Formulieren kann sie nur, wer den Sachverhalt fachlich und mit viel Know-how beherrscht. Dasselbe gilt in der Gegenrichtung: Ob ein Ergebnis brauchbar, unvollständig oder falsch ist, beurteilt zuverlässig nur, wer die Materie kennt. Erfahrung, jahrzehntelang als teuer verbucht, wird damit zum entscheidenden Qualitäts- und Produktionsfaktor.
Reichelt hat daraus die Agentic Leadership Architecture entwickelt und bei Transpareo umgesetzt. Keine Angestellten, kein Support-Apparat, kein Volumenvertrieb, kein Investorenkapital. Wenige sehr erfahrene Manager, die zugleich im Verwaltungsrat sitzen und am Aktienkapital beteiligt sind.
Läuft. McKinsey beschreibt dieselbe Bewegung inzwischen als «Agentic Organization». KI-native Anbieter erreichen ein Vielfaches des Umsatzes je Mitarbeitenden klassischer SaaS-Unternehmen.
«Die einzigen Agenten in diesem Unternehmen sind künstliche.»